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Ärzte sollten mit Patienten auch über Sex reden

Viele Menschen leiden unter sexuellen Störungen – doch die meisten Ärzte vermeiden Gespräche mit ihren Patienten über Sex. Das muss sich dringend ändern, fordern zwei Mediziner aus der Schweiz.

Wer zum Arzt geht, der spricht über seinen Körper, über dessen Funktionen, Gebrechen, über Schmerzen und merkwürdige Veränderungen, über seine alltäglichen Gewohnheiten. Das ist nicht immer angenehm, aber deswegen ist man schließlich in der Praxis. Nur über eine Körperfunktion sprechen die meisten Patienten mit ihren Ärzten nie – über ihre Sexualität.

Warum wird in Arztpraxen kaum über Sex geredet? Diese Frage beschäftigt die Schweizer Wissenschaftler Kurt April und Johannes Bitzer. April ist Psychiater, Bitzer ist Gynäkologe. Sie haben im „Schweizerischen Medizin-Forum“ einen Aufruf an ihre Kollegen veröffentlicht. Ärzte sollen der sexuellen Gesundheit ihrer Patienten mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen, fordern sie.

Kurt April aus Horgen am Zürichsee ist Präsident des gemeinnützigen schweizerischen Ärztevereins „Dr. Sexual Health, Ärzte für sexuelle Gesundheit“. Johannes Bitzer, Professor an der Universitätsfrauenklinik Basel, ist dort wissenschaftlicher Beirat. Ziel des Vereins mit etwa 600 Mitgliedern ist es, die sexuelle Gesundheit zu fördern und sexuell übertragbare Infektionen (STI abgekürzt, dazu zählt auch die HIV-Infektion) zu verhindern.

April und Bitzer sind der Ansicht, dass ihre Kollegen nicht erkannt haben, wie wichtig die sexuelle Gesundheit für das Wohlbefinden ihrer Patienten ist. Das gelte längst nicht nur für die Schweiz. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat bereits mehrmals Handlungsempfehlungen für Ärzte herausgegeben, weltweit sei der Umgang der Mediziner mit der Sexualität ihrer Patienten und möglichen sexuellen Störungen mangelhaft.

Auf der Suche nach den Ursachen für das Schweigen über Sex in den Arztpraxen, haben April und Bitzer vor allem fünf Probleme ausgemacht.

1. Sexuelle Probleme werden unterschätzt

Zu den Problemen der sexuellen Gesundheit, über die Ärzte mit ihren Patienten sprechen könnten, gehören sexuelle Störungen, sexuell übertragbare Infektionen, Probleme mit der Verhütung, Probleme mit der Fruchtbarkeit – aber auch sexuelle Gewalt und sexueller Missbrauch. In den diagnostischen Manualen der Ärzte ICD und DSM werden sexuelle Störungen nur dann als Symptom oder Störung gewertet, wenn ein Leidensdruck vorhanden ist. Dabei besteht jedoch ein hohes Risiko für Überdiagnosen und Unterschätzungen.

April und Bitzer berichten: „Eine Studie ergab in den USA hohe Raten sexueller Funktionsstörungen von 43 Prozent bei Frauen und 31 Prozent bei Männern. Werden die Probanden aber gefragt, ob sie unter diesen Funktionsstörungen auch leiden, sind es nur knapp halb so viele, nämlich zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung.“

Stark unterschätzt werde sexueller Missbrauch und Gewalt unter Jugendlichen. In einer Studie aus Holland gaben 15,8 Prozent der weiblichen und 7,5 Prozent der männlichen Jugendlichen an, schon einmal sexuelle Gewalt durch andere Jugendliche erfahren zu haben.

2. Sexualität fehlt im Lehrplan für Ärzte

Sex ist in der Öffentlichkeit dauernd präsent, umso verwunderlicher ist, dass Sex ausgerechnet in der ärztlichen Praxis weitgehend ein Tabu geblieben ist. Einen wichtigen Grund dafür sehen April und Bitzer in der Ausbildung junger Mediziner: „Mit der Sexualmedizin gibt es heute einen eigenen Fachbereich, der über einiges an gesichertem Wissen verfügt“, schreiben sie.

Wann wird Ihr Penis zu wenig steif? Immer oder nur mit der Partnerin oder auch beim Masturbieren?
Vorschlag für eine Gesprächsführung von Kurt April und Johannes Bitzer

Leider seien diese Erkenntnisse bisher kaum in die Ausbildung und Weiterbildung der Ärzte eingeflossen. Die meisten Ärzte würden wenig Kenntnisse über Sexualmedizin haben und veralteten oder falschen Vorstellungen von Sexualität anhängen. „Ärzte bilden ihre Meinungen über die Sexualität und deren Störungen häufig unter Einbezug derselben unsicheren und inadäquaten Quellen wie ihre Patienten.“

3. Die Scham der Patienten wird überschätzt

Wenn ein Patient oder eine Patientin nicht von sich aus von sexuellen Problemen berichtet, fragen Ärzte auch nicht nach diesem Bereich des Lebens. Oft gehen Ärzte auch davon aus, dass das Sprechen über Sexualität ihren Patienten unangenehm sei.

Wie falsch sie damit liegen, bewies eine Studie aus Lausanne, für die 1452 männliche Patienten im Alter zwischen 18 bis 70 Jahren befragt wurden. Nur 40 Prozent der Männer waren jemals von einem Arzt auf ihre Sexualität im Allgemeinen angesprochen worden. Nur 20 Prozent der Männer waren nach sexuell übertragbaren Infektionen, der Anzahl ihrer Sexualpartner oder nach ihrer sexuellen Orientierung gefragt worden.

Die allermeisten Männer – 90 Prozent der Befragten – sagten allerdings, dass sie gern von Ärzten auf ihre sexuelle Gesundheit angesprochen worden wären. 85 Prozent gaben an, durch Fragen nach Sex keineswegs peinlich berührt zu sein. 15 Prozent hätten sich zwar bei solchen Fragen geniert, von diesen hätten es aber 75 Prozent trotzdem geschätzt, vom Arzt auf das Thema angesprochen zu werden.

4. Die Scheu vor der direkten Sprache

Prinzipiell wäre es die Aufgabe jedes Arztes, mit seinen Patienten über Sexualität zu sprechen, seien es Hausärzte oder Psychiater, Gynäkologen, Urologen, Dermatologen oder Kinder- und Jugendärzte, schreiben April und Bitzer. Doch wie findet man dabei die richtigen Worte? „Obwohl in den Medien Sexualität ein Dauerthema ist, fehlen in der deutschen Sprache und in den Mundarten oft die treffenden Wörter, was die Erhebung der Sexualanamnese nicht einfacher macht.“

Sie empfehlen ihren Kollegen, keine Ausdrücke aus der Welt der Jugendlichen oder der Vulgärsprache zu verwenden, stattdessen Anatomie und die sexuellen Vorgänge unbefangen und konkret beim Namen zu nennen – entweder auf Deutsch mit Begriffen wie Glied und Scheide oder mithilfe medizinischer Termini wie Penis oder Vagina.

Der Arzt sollte dabei auch nach Problemen fragen, die der Patient nicht von sich aus anspricht, wie: „Haben Sie schon einmal eine Geschlechtskrankheit gehabt?“ oder: „Wie häufig haben Sie Sexualverkehr?“ Gezielte Fragen seien besser als verdruckstes Herumreden. Ebenfalls wichtig: Die Aufklärung über Sexualkrankheiten und die Vorteile, welche die Verwendung von Kondomen bringen, sind gerade für junge Menschen wichtig.

Ein Beispiel von April und Bitzer: „Wenn der Mann über Erektionsstörungen klagt, ergeben sich die Fragen: ‚Wann wird Ihr Penis zu wenig steif? Immer oder nur mit der Partnerin oder auch beim Masturbieren? Haben Sie eine Morgensteifigkeit? Wird Ihr Glied erst schlaff, wenn sie es in die Scheide einführen?‘“

Leidet ein Patient unter sexuellen Schwierigkeiten oder Infektionen, sollte ein Paargespräch angeboten werden. Der Partner sei auch eine wichtige Informationsquelle, um die Sexualanamnese zu vervollständigen.

5. Verspätete Diagnosen führen zu verspäteten Therapien

Drücken sich Ärzte um das Gespräch über sexuelle Probleme, werden viele Störungen und sexuell übertragbare Infektionen nicht diagnostiziert und Probleme bei der Verhütung oder mit sexueller Gewalt nicht erkannt, so die Schweizer Autoren. Solche Mängel seien bei der Diagnose und Behandlung von sexuell übertragbaren Infektionen (STI) besonders gut dokumentiert: „Bei 30 bis 50 Prozent der Betroffenen werden HIV-Infektionen erst spät diagnostiziert. Bei den Syphilis-Diagnosen zeigt sich ein ähnliches Bild: In der Schweiz wurden 2012 bei den Heterosexuellen nur 34 Prozent der Diagnosen im ersten Stadium gestellt. Bei Männern, die mit Männern Sex haben, waren es mit 43 Prozent nur wenig mehr.“ Auch viele Gonorrhoe-, Chlamydien- und HPV-Infektionen würden übersehen.

Dabei wären frühzeitige Diagnosen und eine rechtzeitige Therapie von sexuell übertragbaren Krankheiten sowohl für den Betroffenen als auch für die öffentliche Gesundheit von größter Bedeutung.

Als „Call to Action“ bezeichnen April und Bitzer ihren Text. Ein Aufruf zum Handeln: Ärzte sollten einsehen, dass sie die Probleme der sexuellen Gesundheit verdrängen, weil ihnen die Thematik unangenehm ist. Dass sie die Ursache häufig bei den Patienten suchen und ihre eigene Unzulänglichkeit dabei verdrängen. Und dass sie offenbar unter denselben Hemmungen und Unsicherheiten leiden wie ihre Patienten.

Fazit der beiden Mediziner: „Auf dem Boden einer positiven Einstellung zur Sexualität ist mehr Engagement und Offenheit gegenüber Problemen in diesem Bereich von uns Ärzten gefordert. Es müsste zu unserem Praxisalltag gehören, sexuelle Probleme anzusprechen, darüber zu informieren, aufzuklären und allenfalls weitere Beratung zu vermitteln.“

Quelle: https://goo.gl/mFLFGu

31, Oktober, 2016Wissen Doktor0 CommentsSchlagwörter: , ,

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