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Auf die Finger geschaut: Die Nachwuchskraft

Marianne Barthle sorgt als Hebamme für Nachwuchs – in mehrerlei Hinsicht. Der Beruf wird nicht leichter, dennoch macht sie ihn mit großer Hingabe.

Teon-Pau ist elf Tage alt. Zum ersten Mal spürt er heute, wie sich Wasser auf seiner weichen Babyhaut anfühlt. Als sein Fuß das kühle Nass berührt, verzieht er sein Gesicht. Bevor der Junge zu schreien beginnen kann, legt ihn Marianne Bathle waagerecht ins Wasser. Sein Gesichtsausdruck verändert sich, er wird ruhig, beginnt zu lächeln, als die Hebamme ihn mit einem nassen Waschlappen betupft. „Oh“, ruft Bina Karaca verzückt und klickt auf den Auslöser ihrer Kamera. Sie ist Teon-Paus Mutter und lernt heute, wie sie ihr Baby richtig badet. „Ich weiß ja gar nicht wie ich ihn halten soll“, sagt sie und blickt dankbar zu Marianne Barthle. Seit der Geburt vor elf Tagen ist die Hebamme zum vierten Mal zum Hausbesuch bei den frischgebackenen Eltern Bina und Tolga Karaca und ihrem Sohn Teon-Pau. Sie wiegt das Baby, 3800 Gramm schwer ist es bereits. Barthle steht den Eltern jederzeit mit Ratschlägen und Antworten zur Seite. „Man hat so viele Fragen. Ich habe sie gelöchert bis zum Gehtnichtmehr“, gibt die 30-jährige Bina Karaca zu.

Dass die Frauen ihre Hebamme jederzeit kontaktieren dürfen, ist nicht selbstverständlich. Bei Marianne Barthle schon. Auf ihrem Shirt steht „Keep It Simple“, ein Credo, das Barthle nicht ihren Berufsalltag bestimmen lässt. Denn einfach macht es sich die 54-Jährige nicht. „Meine Frauen können mich fast jederzeit anrufen. In der Regel mache ich mein Handy morgens um 7.30 Uhr an und frühestens um zehn Uhr wieder aus“, sagt sie. Auch wenn die Krankenkasse nur 14 Stunden Vorsorge-Beratung finanziert, weist Barthle niemanden ab.

Diese Einsatzbereitschaft hat einen Grund. Bereits mit 14 Jahren schob Barthle Sonntagsdienste im Altenheim. Eine Pflegerin habe ihr einen Rat gegeben, der ihre Arbeitshaltung bis heute bestimmt: „Pflege immer so, wie du selbst gern gepflegt werden möchtest.“ Und Marianne Barthle pflegt gerne, auch wenn der Beruf der Hebamme in den letzten Jahren nicht leichter wurde: Über 9000 € pro Jahr zahlen Marianne Barthles Kolleginen allein für die Versicherung, die für eine Hausgeburt nötig ist. Dazu kommen viele weitere Nebenkosten. „Wenn ich nicht auf Volllast arbeite, zahle ich drauf“, sagt auch Barthle, die pro Woche drei Kurse gibt und bis zu acht Hausbesuche macht. Statistiken unterstreichen die Brisanz: Aufgrund der schlechten finanziellen Situation haben seit Beginn 2010 fast 20 Prozent der selbstständigen Hebammen ihren Dienst niedergelegt. Die hohe Versicherungslast ist zudem der Grund, weshalb immer weniger Hebammen Hausgeburten begleiten können. Auch Marianne Barthle hat sich vor Jahren entschieden, dem Kreißsaal den Rücken zu kehren.

Zuvor hat die 54-Jährige sieben Jahre im Geburtshaus gearbeitet und viele Tage und Nächte im Kreißsaal verbracht. 08/15-Tage? Fehlanzeige. Fünf bis sieben Kinder pro Nacht zur Welt zu bringen – für Barthle war das damals Berufsalltag. Doch der ging an die Substanz: Drei-Schicht-Dienste, Wochenendarbeit und jederzeit in Bereitschaft sein, dazu die hohe körperliche und psychische Belastung, die eine Geburt mit sich bringt. „Und auf Dauer kann man das nicht mit der Familie unter einen Hut bekommen“, sagt die Mutter von Zwillingen im Teenageralter.

Doch Marianne Barthle fehlen die Geburten. „Mich beeindruckt diese Stärke, die Frauen bei einer Geburt entfalten“, sagt sie begeistert. Aber auch traurige Momente bringen Schwangerschaften mit sich. „Wenn es bei der letzten Untersuchung vor der Geburt plötzlich keine Herztöne mehr gibt, hat uns das alle mitgenommen. Da trauerte der ganze Kreißsaal“, erinnert sie sich. Die Hebamme habe eben eine enge Bindung zu „ihren Frauen“.

Barthle erzählt auch von einer besonders schweren Nacht, in der sie mit einer Kollegin sieben Kindern auf die Welt half. Alle sieben mussten nach der Geburt zur Überwachung auf die Intensivstation verlegt werden. „Wir hatten in der Nacht so viel geschafft, aber kein Kind war bei der Mutter“, erzählt sie traurig. Diese Einheit herzustellen ist Barthle wichtig. „Die erste Annahme ist entscheidend, damit das Kind die Stimme und den Geruch der Mutter wahrnehmen kann. Das stärkt das Urvertrauen.“

Deshalb ist die taffe Hebamme auch Verfechterin der natürlichen Geburt. Vielleicht auch, weil sie dreieinhalb Jahre als Entwicklungshelferin in Afrika Geburten begleitet hat, die völlig natürlich verliefen. „Knieend, hockend, stehend, im Wasser – hauptsache natürlich“, sagt Barthle und es klingt wie ein Slogan.

Auch mit dem „Wunsch-Kaiserschnitt“ tut sich Marianne Barthle schwer. Für den entscheiden sich heute immerhin rund 30 Prozent aller Schwangeren. Für Barthle bedauerlich: „Die natürliche Geburt gibt so viel – der Mutter und dem Kind“.

Um kurz vor 14 Uhr ist der Hausbesuch zu Ende. Für Marianne Barthle geht es weiter zum Geburtsvorbereitungskurs. In einem Kreis sitzen 13 schwangere Frauen auf bunten Gymnastikbällen. Die Beine gespreizt, wippen sie auf ihnen. Ihre Hände suchen immer wieder den runden Bauch. Die zierliche Hebamme sieht fast fehlplatziert aus in dem Bild – die einzige ohne Babybauch.

Ihre Kursteilnehmerinnen halten ein kleines Büchlein in den Händen – den Mutterpass. Ein Buch mit sieben Siegeln, wenn man nicht sechs Jahre Medizin studiert hat – oder auf die Erfahrung einer Hebamme zurückgreifen kann. Geduldig geht sie mit jeder ihrer Frauen die Blutwerte, Testergebnisse und Befunde durch.

Als Hebamme, muss sich Marianne Barthle nie Sorgen um die künftige Nachfrage nach ihren Diensten machen. Geburten wird es immer geben. Dafür, dass der Aufschrei, in der Gesellschaft trotz schlechter Bedingungen für Hebammen bisher eher leise ausfiel, hat sie eine einfache, aber nachvollziehbare Erklärung parat: „Uns braucht man halt nicht ein Leben lang, wie den Hausarzt. Aber einmal im Leben braucht man uns auf jeden Fall.“

Quelle: www.swp.de

02, August, 2016Wissen Doktor0 Comments

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